
Die Gefahren durch missbräuchlich eingesetzte KI sind eine Herausforderung für jede demokratische Regierung. Heranwachsende, die bereits seit dem Kleinkindalter an der digitalen Welt teilhaben, sollten möglichst früh lernen, gefälschte oder manipulative Inhalte im Netz zu erkennen und zu hinterfragen. In Europa sind die Bildungsministerien der einzelnen Staaten gefordert, diese Ziele zu gewährleisten. In Tschechien gehen nun die Wogen hoch, da die zweithöchste Person des Ministeriums, Vize-Bildungsminister Zdeněk Kettner (SPD), ein Deepfake-Posting an seine Follower geteilt hat.

Symbolbild: 123site/GettyImages
Die Prager Polizei geht einem mit künstlicher Intelligenz erstellten Foto nach, auf dem der Vorsitzende der Initiative "Eine Million Momente für die Demokratie" und Organisator der Letná-Demonstration vom vergangenen Wochenende, Mikuláš Minář, sowie der Theologe Tomáš Halík zusammen mit jenem Mann abgebildet sind, der beschuldigt wird, die Industriehalle einer Waffenfabrik in Pardubitz in Brand gesetzt zu haben. Diese Tat wurde von den tschechischen Behörden als Terroranschlag eingestuft. Laut der Zeitung Deník N hat Kettner das gefälschte Foto zwar bereits gelöscht, es wurde aber zuvor archiviert und an die Polizei weitergeleitet.
Bildungsminister Robert Plaga (parteifrei auf Vorschlag von ANO) hält die Angelegenheit für sehr ernst, wie aus einer Erklärung hervorgeht, die der Sprecher des Ministeriums, Ondřej Macura, der Nachrichtenagentur ČTK übermittelte. Der Minister erwartet von seinem Stellvertreter eine Entschuldigung. "Laut dem stellvertretenden Minister Kettner handelte es sich um einen Fehler, und er hat mir versichert, dass sich so etwas oder Ähnliches nicht wiederholen wird. Ich habe ihm jedoch mitgeteilt, dass ich die Angelegenheit als sehr ernst betrachte und von ihm sowohl Selbstreflexion, als auch eine angemessene Entschuldigung erwarte, nicht nur gegenüber Mikuláš Minář und Prof. Tomáš Halík, sondern auch gegenüber der gesamten Öffentlichkeit", erklärte Plaga.
Laut Deník N kritisierte Plaga seinen Stellvertreter. "Ich will das nicht entschuldigen, ich bin froh, dass er es gelöscht hat, das ist die eine Sache. Aber wenn ich allen Studenten sage, dass Fehler in der Arbeit normal sind, dann hoffe ich fest, dass er daraus lernt - um es diplomatisch auszudrücken. Er sollte natürlich seine Quellen überprüfen, und da er in der Position eines Vizeministers ist, nicht mehr als Abgeordneter oder gewöhnlicher Bürger, sollte er sehr umsichtig sein", sagte Plaga gegenüber der Tageszeitung.
Der Vorsitzende von "Eine Million Momente für die Demokratie" kündigte laut Deník N an, dass er mit einem Anwalt das weitere Vorgehen bespricht. Die Organisation gab anschließend laut dem Portal idnes.cz bekannt, dass sie Klage gegen Kettner einreichen werde, und fordert gleichzeitig eine Entschuldigung vom Vorsitzenden der SPD, Tomio Okamura. Auch Halík erwägt laut idnes.cz eine Klage.
Minář und Halík sind auf einem gefälschten Foto zusammen mit einem jungen Mann zu sehen, den die Polizei wegen eines Terroranschlags und der Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung im Zusammenhang mit dem Brand in der Halle der Pardubitzer Waffenfabrik LPP Holding am 20. März angeklagt hat. Das Gericht der ostböhmischen Stadt hat den jungen Mann zusammen mit einer weiteren festgenommenen Frau in Untersuchungshaft genommen. Eine dritte Verdächtige wurde von der Polizei in der Slowakei festgenommen; tschechische Polizeibeamte arbeiten an ihrer Überstellung in die Tschechische Republik.
Kettner erklärte gegenüber idnes.cz, dass er das Bild nicht erstellt habe und es gelöscht habe, nachdem er darauf hingewiesen worden sei, dass es sich um eine Fälschung handelt. Laut Deník N wurde das bearbeitete Foto offenbar zuerst auf der Facebook-Seite "ČT25 - Wahrheit ohne Zensur" (in Anlehnung auf das "Systemmedium" ČT24) veröffentlicht. Nach Angaben von Experten, die Deník N befragt hat, konzentriert sich diese Seite auf die Verbreitung bildlicher Deepfake-Desinformationen.
Zu dem Brand in Pardubitz bekannte sich die angebliche antiisraelische Gruppe "The Earthquake Faction". Die LPP Holding hatte vor einigen Jahren angekündigt, gemeinsam mit dem israelischen Unternehmen Elbit Systems in ihrm ostböhmischen Werk Drohnen herstellen und entwickeln zu wollen. Die Zusammenarbeit habe jedoch laut Angaben des Unternehmens nie begonnen. Sicherheitsbehörden gehen laut früheren Medienberichten auch von der Möglichkeit aus, dass es sich um eine sogenannte Operation unter falscher Flagge handelt, d. h., dass die angebliche Gruppe in Wirklichkeit als Deckmantel für eine andere Organisation oder einen staatlichen Akteur dient.
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