
Der zehn Tage dauernde Brünner Kulturfestival "Meeting Brno" gibt das Spiegelbild der aufgeheizten Stimmung innerhalb der tschechischen Gesellschaft wider. Nachdem die Regierung mit ihrer parlamentarischen Mehrheit eine Resolution gegen den im Rahmen des Festivals stattfindenden Sudetendeutschen Tag durchgesetzt hatte, reagierte Staatspräsident Petr Pavel und übernahm den Ehrenschutz über Meeting Brno und sprach für Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der am Sudetentag teilnehmen wird, eine Einladung zu einem Empfang auf die Prager Burg ein. Die kommenden Tage werden zur Nagelprobe im tschechisch-deutschen Verhältnis.

Eröffnungstag: Der Sprecher der Sudetendeutschen Landmannschaft Bernd Posselt beim Gedenkakt für die Opfer des NS-Regimes am Brünner Hauptbahnhof
Bild: Facebook/Meeting Brno
Die Vertreter der Sudetendeutschen sowie zwei "Winton-Kinder" - der Brite Nicholas Winton organisierte 1939 Kindertransporte und rettete so 669 jüdische Kinder vor den Nationalsozialisten - gedachten am 21. Mai in Brünn gemeinsam der Opfer des Holocaust. Die Veranstaltung am fünften Bahnsteig des Hauptbahnhofs, von wo aus während des Krieges die Judentransporte abfuhren, bildete den Auftakt zum Festival Meeting Brno sowie zum Kongress der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL), der zum ersten Mal in Tschechien stattfindet. Vor Ort waren etwa 500 Menschen, darunter laut Polizei 100 organisierte Gegendemonstranten, wie Polizeisprecher Pavel Šváb mitteilte.
"Die Verbrechen des Nationalsozialismus waren das schlimmste Verbrechen der Geschichte", sagte der Sprecher der SL, Bernd Posselt, in seiner Rede. Er sprach sich für ein vereintes Europa aus, verurteilte den Nationalismus und betonte, dass man aus der Vergangenheit lernen müsse. Auch Demonstranten waren vor Ort und buhten Posselt aus. Dieser erklärte, dass dies ihr Recht sei; unter dem Kommunismus hätten sie ihre Ablehnung nicht auf diese Weise zum Ausdruck bringen können. "Das ist das demokratische Europa, für das wir stehen. Freiheit gilt auch für diejenigen, die anders denken", fügte Posselt hinzu.
An der Gedenkfeier nahmen Eva Paddock und Milena Grenfell-Baines teil. Sie gehören zu den Kindern, die Nicholas Winton vor den Schrecken des Holocaust gerettet hat. Er organisierte ihren Transport per Zug von der Tschechoslowakei nach Großbritannien und fand vorübergehende Pflegefamilien für sie. Beide Frauen erklärten gegenüber Journalisten, dass sie mit ihrer Teilnahme das Festival Meeting Brno unterstützen wollten, einschließlich der Einladung von Sudetendeutschen, und sprachen über die Bedeutung des Dialogs und der Begegnung. "Es ist wichtig, dass die Menschen versuchen, zusammenzukommen, dass junge Menschen sich mit ihren Nachbarn gut verstehen. Das ist eine gute Gelegenheit", meinte Paddock. Einer der Demonstranten bezeichnete Wintons Kinder jedoch als "Kollaborateure".
Hakenkreuzschmierereien und Beneš-Denkmal mit blutigen Händen
Im Zusammenhang mit dem Sudetendeutschen Tag stand auch eine Aktion von vier mährischen Aktivisten, die am 19. Mai die Hände der Statue des Präsidenten Edvard Beneš in Brünn mit roter Farbe beschmierten. An der Statue hängten sie zudem ein Schild mit der Aufschrift "Tschechischer Nazi, Schädling Mährens" auf. In Cheb/Eger besprühte jemand in der Nacht zum 19. Mai die Schaufenster des Deutschen Vereins und des Gemeinschaftlichen Bildungsvereins mit Hakenkreuzen.
Sowohl Oppositions- als auch Regierungspolitiker verurteilen beide Taten. Die Vertreter der Koalition kritisieren jedoch auch die Abhaltung des Sudetentages. "Wenn diese Veranstaltung schon stattfinden soll, was ich für sehr bedauerlich - und wie sich zeigt - für unangemessen halte, rufe ich alle dazu auf, dass es friedlich zugeht", sagte Premier Andrej Babiš (ANO). Laut dem südmährischen Hejtman und Vorsitzenden der KDU-ČSL, Jan Grolich, schüren die Gegner die Emotionen. "Und ich denke, dass es das Tüpfelchen auf dem i war, dass das Thema in die Abgeordnetenkammer gebracht wurde", fügte er hinzu.
Meeting Brno und SL betonen den versöhnlichen Charakter von Festival und Sudetendeutschen Tag
Meeting Brno reagierte auf die parlamentarische Resolution der Regierungsparteien, wonach der Sudetendeutsche Tag "Nirgendwo in Tschechien" stattfinden soll mit einer Erklärung:
"Wir nehmen die heutige Entscheidung des Abgeordnetenhauses zur Kenntnis, auch wenn sie deutlich von unserer zivilgesellschaftlichen Haltung abweicht. Meeting Brno entstand als Plattform für den Dialog und knüpft an die Erklärung zur Versöhnung und gemeinsamen Zukunft an, die 2015 verabschiedet wurde. Den Beschluss, der dazu aufruft, die Bemühungen um die Durchführung eines sudetendeutschen Tages in Brünn aufzugeben, betrachten wir als Ausdruck von Schwäche und Angst vor der eigenen Vergangenheit und nicht als Ausdruck von nationalem Selbstbewusstsein.
Unsere Mission bleibt die Pflege der tschechisch-deutschen Beziehungen durch eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Geschichte. Gerade persönliche Begegnungen und das Knüpfen neuer Partnerschaften betrachten wir als den einzigen Weg, um zu verhindern, dass die Geschichte zur Waffe in den Händen von Populisten wird. Wir werden uns auch weiterhin dafür einsetzen, dass Brünn ein Ort bleibt, an dem Menschen aus aller Welt lebendig zusammenkommen."
Auch die SL hebt hervor, dass der Sudetendeutsche Tag ein Forum der Begegnung und des Dialoges sein wird. Das zweisprachige Motto der Veranstaltung "Alles Leben ist Begegnung - Život je setkávání" verdeutliche, dass die Sudetendeutschen keineswegs unter sich bleiben möchten, sondern auch mit den Tschechen den Dialog suchen.
"Gerade für jüngere Besucher bietet der Sudetendeutsche Tag eine besondere Gelegenheit zum Austausch mit der Erlebnisgeneration - also mit jenen, die noch vor der Vertreibung in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien geboren wurden. Viele Enkel und Urenkel suchen Antworten auf Fragen zur eigenen Familiengeschichte und zur Heimat ihrer Vorfahren. Der Sudetendeutsche Tag schafft Raum für diesen Dialog und ermöglicht Begegnungen mit Landsleuten deutscher und tschechischer Zunge", schreibt die SL auf ihrer Homepage.
In Reaktion auf den Parlamentsbeschluss übernahm Präsident Petr Pavel den Ehrenschutz über den Festival. Er wolle damit "ein Umfeld zu unterstützen, in dem offen und ohne Angst über Geschichte gesprochen werden kann", erklärte die Präsidentschaftskanzlei. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, der am Sudetendeutschen Tag eine Rede halten wird, bestätigte eine Einladung von Pavel auf die Prager Burg im Anschluss danach. Dort wird sich Gelegenheit bieten, die Erfahrungen der letzten Wochen zu besprechen.
Weitere Informationen und das Programm des Kulturfestivals Meeting Brno: https://www.meetingbrno.cz/de/
Informationen zum Sudetendeutschen Tag in Brünn: https://www.sudeten.de/aktuelles/76-sudetendeutscher-tag-in-bruenn
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