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11 Sep
Sanktions-Farce: Tschechien importiert mehr russisches Öl als vor den Sanktionen

Die Tschechische Republik greift zunehmend auf russisches Öl zurück. In der ersten Hälfte dieses Jahres lag der Anteil des über die russische Druschba-Pipeline importierten Öls bei rund 65 Prozent. Im vergangenen Jahr waren es rund 56 Prozent, und in den Jahren davor lag der Prozentsatz sogar noch darunter. Das teilte die Sprecherin des staatlichen Unternehmens MERO, Barbora Putzová, der Nachrichtenagentur ČTK mit. Der Anteil von russischem Öl ist damit höher, als er im Zeitraum seit 2012 war. Die EU hat die Ölimporte aus Russland seit letztem Jahr sanktioniert, was jedoch mehr Wunschdenken, als realistische Einschätzung war.

Bild: Mike Benna/Unsplash

Der Anteil des russischen Öls an den Gesamtimporten ist in den letzten Monaten sukzessive gestiegen. Tschechien dürfte in Europa aber keine Ausnahme bilden, da bereits im Sommer Experten darauf hinwiesen, dass Raffinerien in der EU im Begriff sind, sich mehr Rohöl zu sichern, da sie Unterbrechungen beim Transit von Rohöl durch die Ukraine befürchten.

Die Tschechische Republik wird versorgt aus zwei Hauptquellen. Die eine ist die Druschba-Pipeline, die Öl aus Russland ins Land bringt. Ein weiterer Teil der Ölversorgung erfolgt über die IKL-Pipeline aus Deutschland, die mit der TAL-Pipeline aus Italien verbunden ist. Im gesamten Jahr 2022 flossen durch diese Pipelines 7,4 Millionen Tonnen Rohöl zu den tschechischen Raffinerien, rund sieben Prozent mehr als im Jahr davor.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Im Dezember letzten Jahres trat ein Verbot für russische Öleinfuhren in die Europäische Union in Kraft. Die Einfuhren über die Druschba-Pipeline, deren südlicher Zweig durch die Ukraine nach Ungarn, die Slowakei und die Tschechische Republik und deren nördlicher Zweig nach Polen und Deutschland führt, sind jedoch vorübergehend von dem Embargo ausgenommen.

Vage Proteste und ein klares Statement

Am Sonntag protestierten etwa drei Dutzend Menschen in Prag vor dem Ministerium für Industrie und Handel gegen die hohen Importe russischen Öls in die Tschechische Republik. Die Demonstranten forderten die Regierung auf, die Öllieferungen aus Russland zu reduzieren. Laut dem Sprecher des Ministeriums, Vojtěch Srnka, ist es jedoch nicht möglich, die Öllieferungen aus Russland sofort zu ersetzen.

Vertreter der Initiative "NE ruské ropě (NEIN zum russischen Öl)" erklärten, dass die Tschechische Republik im Jahr 2023 Öl im Wert von 25 Mrd. Kronen (rd. 1 Mrd. Euro) importieren würde, wovon 7 Mrd. Kronen (286 Mio. Euro) als "unnötige Zahlungen an den russischen Haushalt" bezeichnet wurden. Zur Berechnung dieses Betrags wurden Daten aus der STAZO-Datenbank über Ölimporte aus Russland und Daten über den Mindestverbrauch an russischem Öl aus einem Vertrag von 2013 herangezogen.

Unabhängigkeit wird noch dauern

Für die Zukunft plant die Tschechische Republik, sich vollständig vom russischen Öl zu lösen. Deshalb hat MERO als Eigentümer und Betreiber des tschechischen Teils der Druschba-Pipeline und der IKL-Pipeline im Juli dieses Jahres mit den Planungsarbeiten für den Ausbau der europäischen TAL-Pipeline begonnen. Das 1,6 Mrd. Kronen (65,4 Mio. Euro) teure Projekt soll die Kapazität ab 2025 erhöhen, so dass über die Pipeline bis zu acht Millionen Tonnen Öl pro Jahr ins Land geliefert werden können. Dies könnte die Tschechische Republik von russischem Öl unabhängiger machen. 

Die TAL-Pipeline beginnt im italienischen Triest, von wo aus Öl aus mehreren Ländern importiert wird. Der größte Teil stammt aus der Kaspischen und Schwarzmeerregion, den USA und Afrika. MERO hält seit 2012 einen fünfprozentigen Anteil an der TAL-Pipeline.

Quelle: ČTK


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